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Behandlungsstrategien



In der Schulmedizin spricht man von konservativer Therapie und meint damit sämtliche nicht operative Therapieverfahren. Viele Behandlungen (Therapien) greifen erheblich in das Leben des Patienten ein – und fordern von der Umstellung der Ernährung über bestimmte Regeln bei der Körperpflege bis hin zur Totalisolierung in sogenannten Life Islands seine kooperative Mitarbeit (Compliance). Manche Behandlungen stehen und fallen sogar mit dieser Bereitschaft, sich nach den ärztlichen Anweisungen zu richten. Umgekehrt sollte der Arzt die Behandlung auf die Möglichkeiten und Wünsche des Patienten abstimmen (Adherence). Fehlt es z. B. an der nötigen Kommunikation, sind Misserfolge programmiert.

Sekundärer Krankheitsgewinn. Schwierig bis aussichtslos sind Behandlungsmaßnahmen, wenn der Betroffene so viel Nutzen von seiner Krankheit hat, dass er den Heilerfolg – bewusst oder unbewusst – gar nicht will. Ein älteres Schulkind, das am Tag einer Mathematikarbeit heftige Kopfschmerzen vorgibt, verspürt aus nahe liegenden Gründen kaum Besserung durch eine Aspirin®-Tablette. Aber auch in der Orthopädie, Rheumatologie und Psychiatrie sind Therapien oft zum Scheitern verurteilt, weil im Hintergrund der Wunsch nach einer Frühverrentung oder längeren Arbeitsunfähigkeit besteht. Manchmal sind auch die Ängste vor dem Wiedereintritt ins normale Leben übergroß, etwa nach einer schweren Depression.

Heilende, lindernde und begleitende Therapien

Richtet sich eine Behandlung gezielt gegen die Krankheitsursache, wird sie als kausale Therapie bezeichnet (z. B. eine Antibiotikabehandlung bei einer bakteriellen Infektion). Symptomatische Therapien bekämpfen dagegen lediglich die Beschwerden, also Krankheitszeichen. So betäuben Lutschtabletten die Halsschmerzen, richten jedoch gegen die eigentliche Angina (fast) nichts aus.

Allgemeinmaßnahmen schaffen günstige Bedingungen für die Heilung und stärken den Organismus und seine Abwehrkräfte. Manche Allgemeinmaßnahmen fallen den Betroffenen leicht, so das Vermeiden von Lärm, viel Schlaf und das Schaffen einer stressfreien Umgebung. Andere, wie z. B. konsequente Bettruhe oder die wochenlange Ruhigstellung eines Fußes, erfordern dagegen eine erhebliche Selbstdisziplin des Patienten.

Das Resultat einer kurativen Therapie ist die vollständige Heilung. Sie gelingt jedoch nicht immer, wie z. B. bei der Mehrzahl der rheumatologischen Erkrankungen, oder sie gelingt nicht mit 100%-iger Sicherheit, wie bei Krebstherapien. Ist eine kurative Therapie nicht möglich (z. B. bei einem inoperablen Tumor), lindert eine palliative Therapie zumindest die Beschwerden des Patienten. Dann steht einzig und allein seine Lebensqualität im Mittelpunkt. Und auch das Ziel, die Lebenszeit zu verlängern, muss sich diesem unterordnen. Besondere Bedeutung hat die palliative Therapie in der Sterbebegleitung.

Nicht jede Beschwerde muss therapiert werden …

Ist das Leben des Patienten bedroht, z. B. durch einen Blinddarmdurchbruch, besteht eine vitale oder absolute Indikation zur Therapie: Der Patient muss sich operieren lassen, sonst gefährdet er sein Leben. Nur bei solchen vitalen Indikationen darf der Arzt – und ersatzweise auch jeder Laie – ohne Einwilligung des Patienten helfen und eingreifen (z. B. bei einem Verkehrsunfall). Er muss es sogar tun, denn wenn der Patient ohnmächtig ist, muss davon ausgegangen werden, dass er der Hilfeleistung nicht widersprechen würde.

Die Einleitung einer Therapie gegen den erklärten Willen des Patienten ist bei psychischen Erkrankungen nicht unumstritten. Die meisten Ärzte empfinden es aber als Pflicht zu helfen. Und viele, denen zunächst gegen den eigenen Willen geholfen wurde (etwa bei Selbstmordabsicht), äußern später in ihrem Leben Dankbarkeit für das ärztliche Eingreifen.

Bei der Mehrzahl der Erkrankungen und Beschwerden ist die medizinische Notwendigkeit zur Therapie aber letztlich relativ. Zum einen können selbst einige akute Erkrankungen von selbst wieder ausheilen, zum anderen ist der im Raum stehende medizinische Eingriff oft nicht sehr Erfolg versprechend oder gar risikoreich. Bei einer solchen relativen Indikation gilt es daher, die Nebenwirkungen und die möglichen Behandlungsalternativen besonders sorgfältig abzuwägen.

Inwieweit Ärzte bei relativen Indikationen tatsächlich tätig werden, ist sehr von der Kultur abhängig. Während im christlichen Kulturkreis die Bereitschaft und die Geduld, Schmerzen und Leiden zumindest für einige Zeit hinzunehmen, lange Zeit stark verankert waren, hat sich dies in den letzten Jahrzehnten radikal gewandelt. Ärzte fühlen sich heute oft unter Druck gesetzt, „irgendetwas zu tun“. So ist eine Art medizinischer Aktionismus entstanden. Aber auch die ökonomischen Steuermechanismen in unserem Medizinsystem funktionieren am besten, wenn viel und rasch therapiert wird. Dass dies viele unnötige Eingriffe und Operationen mit sich bringt und zahlreiche Fälle von Medikamentenabhängigkeit erzeugt, ist bekannt. Immerhin, unterstützt durch die Bemühungen der evidenzbasierten Medizin, setzt ein Umdenken ein – denn die evidenzbasierte Medizin hinterfragt systematisch alles, was Ärzte (und andere Therapeuten) tun, und entlarvt dabei viele Eingriffe bis hin zu hunderttausendfach durchgeführten Operationen als nutzlos Quelle:[Y01].

… und nicht jede Therapie ist geeignet

Umstände, die gegen ein bestimmtes Medikament oder eine Behandlung sprechen, bezeichnet man als Kontraindikation (Gegenanzeige). Bei einer relativen Kontraindikation muss die Behandlung besonders vorsichtig und unter Abwägung des Nutzens erfolgen, dies ist z. B. bei Schwangeren sehr häufig der Fall. Bei einer absoluten Kontraindikation ist die Behandlungsmaßnahme definitiv nicht geeignet und gefährdet den Patienten (z. B. bei Allergien auf Wirkstoffe wie Penicillin).


07.03.2008 | Von: gesundheit-heute.de; Dr. med. Arne Schäffler, Thilo Machotta


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